Was ist Kreislaufwirtschaft – und warum ist sie wichtig?
In einer Welt, in der lineares Wirtschaften nicht mehr tragbar ist, bietet die Kreislaufwirtschaft einen intelligenteren Weg in die Zukunft. Sie konzentriert sich darauf, die Lebensdauer von Materialien zu verlängern, indem sie Wiederverwendung, Reparatur, Wiederaufbereitung und Recycling fördert, anstatt sich auf lineare Einwegsysteme zu verlassen. Nach der Definition der Europäischen Kommission umfasst sie „das Teilen, Leasen, Wiederverwenden, Reparieren, Aufarbeiten und Recyceln vorhandener Materialien und Produkte so lange wie möglich“.
Dieses Modell ist für unseren Planeten von entscheidender Bedeutung. Eine Kreislaufwirtschaft in nur wenigen Schlüsselbranchen wie Zement, Aluminium, Stahl, Kunststoffe und Lebensmittel könnte die globalen CO₂-Emissionen bis 2050 um etwa 9,3 Milliarden Tonnen pro Jahr reduzieren[1]. Über die Vorteile für die Umwelt hinaus kann sie auch die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit stärken, Arbeitsplätze schaffen, Kosten senken und die Abhängigkeit von neuen Ressourcen verringern.
In Europa und insbesondere im Immobiliensektor ist die Einführung der Kreislaufwirtschaft unerlässlich. Gebäude und Bauwesen machen EU-weit über 40 Prozent des Energieverbrauchs, mehr als 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs und 46 Prozent der Abfallerzeugung aus[2]. Laut dem Weltwirtschaftsforum könnte die Anwendung der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in der gesamten bebauten Umwelt die CO2-Emissionen bis 2030 um etwa 13 Prozent und bis 2050 um bis zu 75 Prozent reduzieren, verglichen mit einem Business-as-usual-Szenario, das davon ausgeht, dass die derzeitigen Baupraktiken unverändert fortgesetzt werden[3].
Kreislaufwirtschaft im Immobiliensektor in Europa
In Europa ist der Übergang von verschwenderischen Baupraktiken zu einem Kreislaufmodell sowohl dringend notwendig als auch vielversprechend. Derzeit sind nur etwa 30 Prozent der Bauvorhaben in Europa zirkulär, was bedeutet, dass nur ein Bruchteil der Materialien wiederverwendet oder recycelt wird. Dennoch besteht ein großes Potenzial, bis 2040 eine Zirkularität von 50 Prozent zu erreichen. Wenn dies gelingt, könnten die inhärenten Treibhausgasemissionen um die Hälfte gesenkt und der jährliche Materialverbrauch um 8 Prozent von 642 Millionen auf 590 Millionen Tonnen reduziert werden[4].
Über die vielversprechenden Zahlen hinaus bringen diese Praktiken erhebliche Vorteile mit sich. Ein besseres Design, das eine Überspezifizierung von Materialien vermeidet, indem beispielsweise nur das verwendet wird, was strukturell notwendig ist, kann die Emissionen um etwa 12 Prozent reduzieren. Die Umstellung auf alternative, kohlenstoffarme Zementarten kann eine weitere Reduzierung um 16 Prozent bewirken, während die Wiederverwendung von Baustahl in der Abbruchphase zu Einsparungen von etwa 15 Prozent beitragen kann[5]. Zusammengenommen können diese Maßnahmen zu einer erheblichen Verbesserung über den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden führen.
Diese Bemühungen beschränken sich nicht nur auf die Theorie. Designprojekte haben gezeigt, wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis funktioniert. So kann beispielsweise durch zirkuläres Bauen der CO₂-Ausstoß von Materialien bis 2050 um 38 Prozent gesenkt werden, indem der Bedarf an neuem Stahl, Aluminium, Zement und Kunststoffen reduziert wird. Die Betrachtung der bebauten Umwelt als Materialbank und nicht nur als einmalige Entwicklung bietet einen nachhaltigen Entwurf für Städte und Gebäude gleichermaßen[5].
Etwas näher an unserer Heimat, in Berlin, haben Projekte wie das CRCLR House / Impact Hub Berlin zirkuläre Sanierungen umgesetzt: Etwa 70% der verwendeten Materialien wurden upcycelt, recycelt oder nachhaltig beschafft, wobei wiederverwertete Fenster, Türen, Ziegelsteine und wiederverwendetes Holz einen bedeutenden Anteil ausmachten. Ein weiteres Beispiel ist EDGE SüdKreuz, ein Bürogebäude in der Nähe des Berliner Südkreuz, das eine DGNB-Platin-Bewertung erhalten hat. Durch die Verwendung einer Holz-Hybridkonstruktion und des modularen CREE-Systems konnte der CO2-Ausstoß im Vergleich zu einem herkömmlichen Referenzgebäude um mehr als 50 Prozent reduziert werden. Das Gebäude ist als Hochleistungsbau konzipiert und auf Energieeffizienz optimiert, um auch die CO2-Emissionen im Betrieb zu minimieren. Alle Materialien wurden in der MADASTER-Materialdatenbank erfasst[6].
Auch politische Maßnahmen beschleunigen den Wandel.
Der EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft, die EU-Taxonomie für nachhaltige Finanzen und die Überarbeitung der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) zwingen Investoren, Eigentümer und Entwickler dazu, die Reduzierung des CO2-Fußabdruck, die Materialeffizienz und die Kreislaufwirtschaft in ihren Projekten zu berücksichtigen.
Beispielsweise wird gemäß der überarbeiteten EPBD bis 2030 für alle neuen Gebäude eine Lebenszyklusanalyse (LCA) vorgeschrieben sein, deren Schwerpunkt auf der Berichterstattung über die gesamten CO2-Emissionen während der gesamten Lebensdauer liegt. Mehrere europäische Länder haben die LCA bereits in ihre Bauvorschriften aufgenommen – in Frankreich und Dänemark ist sie für alle neuen Gebäude (RE202 und BR18) vorgeschrieben, und in Deutschland gilt sie für öffentlich finanzierte Wohn- und öffentliche Gebäude (QNG).
Diese regulatorische Angleichung macht zirkuläres Bauen nicht nur wünschenswert, sondern zunehmend notwendig, um Vorschriften einzuhalten und Investitionsbereitschaft zu zeigen.
Wie EnviroSustain helfen kann:
Wir bei EnviroSustain wissen, dass der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft im Immobilienbereich sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance darstellt. Mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in ganz Europa helfen wir unseren Kunden, Kreislaufprinzipien in die Praxis umzusetzen – sei es durch Beratung zu kohlenstoffarmen Materialien, die Integration von Sanierungsstrategien oder die Einbettung eines langfristigen Lebenszyklusdenkens in Projekte.
- Lebenszyklusanalyse (LCA)
Ein wichtiger Teil unseres Ansatzes ist die Verwendung der LCA zur Messung und Reduzierung des CO2-Fußabdrucks von Gebäuden in jeder Phase, vom Entwurf und Bau über den Betrieb und die Renovierung bis hin zum endgültigen Rückbau. Die LCA vermittelt unseren Kunden ein klares Bild der Umweltauswirkungen und zeigt auf, wo durch Wiederverwendung, Demontage oder Materialersatz die größten Gewinne erzielt werden können. - Nachhaltige Materialien
Wir unterstützen unsere Kunden bei der Auswahl nachhaltiger Materialien, die Leistung, Verfügbarkeit und Kosten mit den Prinzipien des zirkulären Designs in Einklang bringen. Indem wir Produkten mit geringerem CO2-Ausstoß, verifizierten Umweltproduktdeklarationen (EPDs) und Wiederverwendungspotenzial Vorrang einräumen, helfen wir Projekten, sich an europäischen Nachhaltigkeitsrahmenwerken zu orientieren und zukunftssichere Gebäudeportfolios aufzubauen. - Materialpässe
Materialpässe gehen in Sachen Kreislaufwirtschaft noch einen Schritt weiter, indem sie die Eigenschaften und die potenzielle Wiederverwendbarkeit von Materialien in digitaler Form erfassen. Sie tragen dazu bei, dass die Gebäude von heute zu den Ressourcenbanken von morgen werden. In unserem nächsten Artikel werden wir uns näher mit ihrer Funktionsweise befassen.
Weiterführende Literatur:
Circular economy in the built environment: European Environment Agency – Building renovation: where circular economy and climate meet
Quellen:
[1] Ellen MacArthur Foundation, Completing the Picture: How the Circular Economy Tackles Climate Change (2019)
[2] Arup, Time to act: how the EU’s circular economy is reshaping buildings (2022)
[3] World Economic Forum, Circularity in the Built Environment: Maximizing CO2 Abatement and Business Opportunities (2023)
[4] Bain & Company, Europe’s construction sector could achieve 50% circularity by 2040 (2022)
[5] Ellen MacArthur Foundation, Circular economy in construction: regenerative built environments (2022)
[6] Metropolis, This Berlin Office Was Germany’s Most Sustainable Building in 2022